Von dieser Welt - James Baldwin: Hart, ehrlich und (leider) noch immer hochaktuell

by - 15 April

James Baldwins „Von dieser Welt“ ist gnadenlos ehrliches Buch, das verschiedene menschliche Charaktere umfassend durchleuchtet, den Leser so schnell nicht wieder loslässt und zurecht noch lange im Gedächtnis bleibt.
John Grimes ist ein schwarzer, empfindsamer Junge aus Harlem, sexuell unschlüssig, seine einzige Waffe zur Selbstverteidigung ist sein Verstand. Aber was nützt es, von den weißen Lehrern gefördert zu werden, wenn der eigene Vater einem tagtäglich predigt, man sei hässlich und wertlos, solange man sich nicht von der Kirche retten lässt. John sehnt sich danach, selbst über sein Schicksal zu entscheiden, nicht sein Vater, den er trotz allem liebt, nicht ein Gott, den er trotz allem sucht. Als am Tag von Johns vierzehntem Geburtstag sein Bruder Roy von Messerstichen schwer verletzt nach Hause kommt, wagt John einen mutigen Schritt, der nicht nur sein eigenes Leben verändern wird.
Quelle: Verlag

"Von dieser Welt" begleitet den Protagonisten John Grimes durch seinen vierzehnten Geburtstag, an dem das Desinteresse seiner Familie ihm gegenüber noch sein kleinstes Problem ist. John muss sich mit seiner Zukunft auseinandersetzen, die ihm von seinem Umfeld vorbestimmt zu sein scheint. Er wünscht sich mehr Entscheidungsfreiheit, zweifelt an seinem Glauben, am Lebensstil seiner Familie und der Gemeinde von denen er sich trotz allem Frust nicht lösen kann, und stellt sie, aber auch sich selbst, in Frage.

Baldwin zeigt in seinem autobiografischen Debutroman Johns Persönlichkeit in allen Facetten, sodass man seine Zerrissenheit fast selbst spürt. Das gilt ebenso für Johns Tante Florence, seinen Stiefvater Gabriel und seine Mutter Elizabeth, deren Vergangenheit in drei Rückblicken erzählt wird. Dadurch lässt man als Leser Johns anfängliche Perspektive des Kindes hinter sich, lernt die Zusammenhänge der Familiengeschichte kennen und kann am Ende, wenn es zurück zu Johns Gedanken geht, die Handlungen der Erwachsenen in seinem Leben besser verstehen.

Kritisieren würde ich an dieser Stelle Baldwins Porträt der Frauen, das dem Anfang des 20. Jahrhunderts entsprechend wenig fortschrittlich ausfällt. Florence und Elizabeth sind inspirierende, starke Persönlichkeiten die große Schritte wagen um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, dabei aber in sehr christlicher Manier abgefertigt werden. Positiv war dagegen das nüchterne Aufzeigen des Rassismus, dem die Charaktere ausgesetzt sind, und der mir als weißer Person einmal mehr meine Privilegien vor Augen geführt hat. Gerade die Geschichte von Johns leiblichen Eltern hat mich zu Tränen gerührt und Vorurteile sowie systematisierte Unterdrückung gezeigt, die genau in dieser Form noch immer existieren. Baldwin ist alles andere als ein verstaubter Klassiker und nach wie vor absolut relevant.

Es ist nicht genug, "Von dieser Welt" einfach zu lesen und danach wegzulegen. Baldwin stößt die eigenen Denkprozesse an; man hat das Bedürfnis, sich näher mit seinen Inhalten zu beschäftigen und sich diese Welt zu erschließen, von der er erzählt. Nicht umsonst brauche ich länger als gewöhnlich, um diese Rezension zu schreiben. Dieser Effekt ist für Literatur mit Rassismus als einen Schwerpunkt auch wichtig, denn die benachteiligten Gruppen schulden niemandem eine Erklärung. Sie müssen von ihren Erfahrungen erzählen dürfen, und ihnen muss zugehört werden.

So fühlt sich dieses Buch auch an; es geht nicht darum irgendjemandem etwas zu beweisen. Es handelt schlicht und einfach von Menschen, ihren Erlebnissen und konkret einer Familie, deren komplexe Geschichte über Generationen hinweg entwickelt wird. Baldwin schreibt vor allem charaktergeprägt, und genau deswegen ist er so universell lesbar. Dieser Fokus auf die Persönlichkeiten der Figuren hat mir auch geholfen, den großen Aspekt der Religion zu verarbeiten, zu dem ich persönlich nur schwer Zugang finde. In „Von dieser Welt“ ist es aber einfach ein wichtiger Teil des Lebens von John und seiner Familie, der sie und die Beweggründe für ihr Handeln prägt.

In vergleichenden Zitaten ist mir noch einmal Baldwins einzigartiger Schreibstil aufgefallen. Die deutsche Übersetzung holt so viel wie möglich heraus und erleichtert den Einstieg in die Welt des Schriftstellers. Trotzdem geht einiges an Atmosphäre und Kultur verloren, die einfach tief in der englischen Sprache dieser Menschen verankert ist und nicht problemlos transportiert werden kann. Baldwins Bücher im Original zu lesen sollte man also zumindest im Hinterkopf behalten, um sich eventuell später daran zu wagen.

Besonders schwierig ist allerdings die Tatsache, dass für diese neue Auflage eine weiße Übersetzerin gewählt wurde. Ich habe sie persönlich am Freitag der diesjährigen Leipziger Buchmesse über das Buch sprechen hören und zweifle weder ihre Qualifikationen noch ihre Begeisterung für Baldwin an. Unangebracht ist dennoch, dass sie zwangsläufig während der Arbeit zahlreiche Male das N-Wort geschrieben haben muss. Es wäre wichtig gewesen, afrodeutsche Übersetzer für dieses Projekt zu engagieren und ich hätte mir dahingehend mehr vom Verlag erwartet. Das gilt auch für das Vorwort, welches zwar aufschlussreich ist, aber ebenfalls eine weiße Perspektive darstellt. Abgesehen davon begrüße ich die Mühen von dtv, Baldwin in Deutschland wieder aktueller zu machen - ich bin auch erst dadurch auf ihn aufmerksam geworden.

Weiterführend möchte ich auf einen sehr informativen Post von Nadine auf Miss Happy Reading verweisen, die sich näher mit dem Autor beschäftigt. Unter dem Hashtag #TappingIntoBaldwin findet der Austausch zu ihm in den sozialen Medien statt, der hoffentlich stetig wachsen wird. Außerdem würde ich mich freuen, wenn ihr jetzt selbst zum Buch greift und Rezensionen schreibt, die ich hier im Post auch mit eurer Erlaubnis gern verlinken möchte.

Von dieser Welt“ verdient eindeutig eine größere Leserschaft hier in Deutschland. Es ist ohne Frage relevant für das aktuelle Weltgeschehen und gewährt einen wichtigen Einblick in eine Zeit der Vereinigten Staaten, die wir verstehen müssen um unsere Gegenwart zu begreifen. Von dieser Welt hat mich bewegt, berührt und beeindruckt. James Baldwin ist ein Meister der komplexen Charaktere und stellt ihre Geschichten kompromisslos dar, sodass sie die Leser noch über die letzte Buchseite hinaus begleiten.

Vielen Dank an dtv für dieses Rezensionsexemplar!
 
Von dieser Welt |  James Baldwin | Originaltitel: Go Tell it on the Mountain | Übersetzung: Miriam Mandelkow | Hardcover: 320 Seiten | dtv Verlagsgesellschaft, 2018 | Meine Wertung: 

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1 comments

  1. Hallo liebste Sandy,
    ich habe um ehrlich zu sein nur den Klappentext und dein Fazit gelesen aber für dieses bin ich dir unendlich dankbar.
    Vielen vielen Dank für deine ehrlichen Worte, du hast mein Interesse definitiv geweckt und mich dermaßen neugierig auf dieses Buch gemacht, dass ich es mir wenigstens schon einmal direkt notiere :-)
    Danke danke danke <3

    Liebst
    Philip

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