Mausmeer - Tamara Bach: Geschwisterdynamik und schwieriger Schreibstil

by - 29 March


Nur dieses eine Wochenende. Nur noch einmal in Opas altes Haus am Arsch der Welt, hier war alles immer gut. Nur das will Ben, der gerade achtzehn geworden ist und irgendwie festhängt – in der Schule, in der Familie, im Leben. Ein paar Tage raus aus allem. Zusammen mit Annika, der großen Schwester, die doch immer die Vernünftigere war. Einen Spaziergang, ein Osterfeuer und einen umgefallenen Tisch und die Folgen später sieht nicht mehr alles so aus wie vorher.
Quelle: Verlag

Mausmeer ist wie ein Ausschnitt des Lebens der Geschwister Benedikt und Annika: In Echtzeit, realistisch, voll Anspielungen und ohne wirkliche Klarheit. Ben zweifelt an der Schule, dem Bildungssystem und dem Sinn dahinter, weiß nicht was er mit sich anfangen soll und fühlt sich erdrückt von den Erwartungen seiner Zukunft. Anni beginnt dagegen den vorgeschriebenen Weg, den sie bisher gewählt hat, in Frage zu stellen und wird ihrerseits von der Erwartung ihrer Familie und Mitmenschen immer das Richtige zu tun belastet. Mit seinen 144 Seiten hat man dieses Buch zwar verhältnismäßig schnell beendet, aber der Lesefluss wird leider immer wieder durch den Schreibstil aufgehalten.

Die Gedanken der Charaktere stehen weiter im Vordergrund als deren Dialoge, was im Bezug auf die Handlung Sinn macht, da es auch viel um ungesagte Dinge geht und die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms angewandt wird. So bekommt man einen direkten Einblick in die Köpfe von Annika und Benedikt, folgt aber tatsächlich all ihren Gedankengängen wodurch mitten im Satz auch mal die Richtung des gerade begonnenen Gedankens gewechselt wird, andere unvollendet bleiben und vieles nicht vollständig ausformuliert wird. Ob das gefällt, ist natürlich Geschmackssache.

Man merkt hier besonders, dass die Autorin oft aus ihren Büchern vorliest und gelegentlich den Schreibstil daran anpasst. Man muss sich demnach auf die richtige Betonung, Pausen etc. verlassen um den Sinn einiger Passagen zu begreifen. Hätte ich das allerdings nicht bei ihrer Buchvorstellung gehört, wäre es mir wohl noch schwerer gefallen dieses Ratespiel zu verstehen und hätte es wahrscheinlich als lieb- und lustlosen Schreibstil eingestuft. Es gibt einige Meta-Ebenen, die das Ganze noch ein bisschen interessanter gestalten, was aber doch eher selten vorkommt.

Wenn man darüber hinwegsehen oder sich zumindest daran gewöhnen kann, hat Mausmeer aber auch viel Positives zu bieten. Das Setting ist erfrischend anders: Statt Liebesduo gibt es ein Geschwisterpaar, statt 15-jährigen Helden zwei junge Erwachsene, zur Abwechslung mal in Deutschland mit einem Gespür für die aktuelle Kultur und Probleme 'normaler' Menschen. Da ich in einem ähnlichen Alter bin wie die beiden konnte ich ihre Situationen gut nachvollziehen und habe mich nicht wie einigen anderen Jugendbüchern entwachsen gefühlt.

Auch die Geschwisterdynamik wurde gut umgesetzt und bringt wahrscheinlich alle Brüder und Schwestern zum Schmunzeln, weil die Erlebnisse doch sehr universell sind: Man schimpft über den Altersunterschied, muss die Vergleiche der Eltern ertragen, streitet sich um Dinge einfach weil es immer jeder-für-sich ist, zögert nicht sich die harte Wahrheit ins Gesicht zu sagen und redet doch wieder aneinander vorbei, weil man sich auseinanderlebt obwohl man so viel Zeit miteinander verbracht hat, gemeinsam aufgewachsen ist und sich irgendwie braucht.

Die Themen des Buches rund um das Erwachsen werden sind generell sehr realistisch aufgearbeitet: Orte die man als Kind als wundervolle Paradiese empfunden hat verlieren auf einmal ihren Glanz, man muss lernen Dinge loszulassen weil sie einfach nicht mehr in Leben passen - auch wenn man sich geschworen hat sie immer zu behalten -, und die Welt der man einmal so hoffnungsvoll entgegenblickt hat überwältigt mit Möglichkeiten und Konflikten. 

Die Charaktere sind außerdem stark genug um den Leser zum durchkämpfen zu motivieren, weil man doch wissen möchte was ihnen passiert. Im Verlauf des Buches wird man dafür mit einem Spannungsmoment belohnt, dabei bleibt es allerdings auch. Anni und Ben entwickeln sich weiter, obwohl das Ende für mich nicht wirklich zufriedenstellend war und so auch hier mögliche Pluspunkte vergeben hat.

In Mausmeer steckt viel mehr Potenzial als meiner Meinung nach ausgeschöpft wurde; das Buch könnte beispielsweise mit einem ausführlicheren Schreibstil wirklich begeistern. So hatte ich immerhin ein paar nette Lesestunden, für mehr hat es bei mir aber leider nicht gereicht. Vielleicht findet ihr allerdings einen besseren Draht zu dieser Geschichte als ich ihn hatte. Wer nach einem Jugendbuch sucht, das nicht auf typische Konstellationen angewiesen ist und Wert auf Charakterisierung legt, kann Tamara Bach eine Chance geben und sich ans Mausmeer entführen lassen.

Vielen Dank an den Carlsen Verlag für dieses Rezensionsexemplar!
Mausmeer | Tamara Bach | Carlsen Verlag, 2018 | Hardcover: 144 Seiten | Meine Wertung: ★★★☆☆

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2 comments

  1. Liebe Sandy,

    von Tamara Bach habe ich auch bereits ein Buch gelesen: Vierzehn. Damals hatte ich ähnliche Probleme, wie du. Die Geschichte war durch und durch besonders und alles andere als konservativ oder 0815 aber ich kam mit der Kürze des Buches nicht zurecht. :( Deshalb habe ich mich bisher an kein weiteres Buch von ihr gewagt und werde es auch sicher sein lassen.

    Liebst,
    Jule

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    1. Das ist so interessant, danke liebe Jule! Bei Vierzehn hatte ich damals einen ähnlichen Eindruck und habe es deswegen gar nicht erst gelesen. Spannend, dass wir beide dasselbe Gefühl von zwei unterschiedlichen Büchern bekommen haben. Da ist der Schreibstil wahrscheinlich einfach nicht für uns. Schade, denn der Inhalt ist wirklich mal was anderes! ♥

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