Depression abzugeben – Uwe Hauck - BlackTeaBooks

Depression abzugeben – Uwe Hauck

20 Januar

Depression abzugeben | Uwe Hauck | Verlag: Bastei Lübbe | 428 Seiten | erschienen am 13.01.2017 | Taschenbuch: 10€ | Kaufen? | Meine Wertung: ★★★★☆

KLAPPENTEXT

Seelische Erkrankungen verschleppt man oft und das kann schiefgehen. Uwe Hauck möchte über das Tabuthema Depressionen aufklären, den Betroffenen die Angst vor Psychiatrien nehmen und einen Einblick in das geben, was einem in der Klapse erwartet. Offen, schonungslos und unterhaltsam lässt er uns an seinem Therapieverlauf teilnehmen und spart nicht mit Anekdoten über Beschäftigungsmaßnahmen, wie Korbflechten, Maltherapien oder Ausdruckstänzen. Denn die Klapse ist nichts anderes als ein Krankenhaus für gebrochene Seelen, und eigentlich sind in der Klapse eher normale Menschen, die mit dem Wahnsinn da draußen nicht mehr fertig werden, so der Autor.

Quelle: Verlag

MEINE MEINUNG

Zuerst noch kurz eine Trigger-Warnung für Details zum Thema Depression - der Titel sagt es ja schon, aber sicher ist sicher. Außerdem wird die Rezension etwas länger, aber das hat dieses Buch auch verdient.

In Depression abzugeben erzählt Uwe Hauck nämlich auf ausführliche und persönliche Weise von seiner Depression, Therapien und allem was dazu gehört, um mehr Menschen zu zeigen was genau hinter dieser Krankheit steckt. Es beginnt auch sofort mit der schlimmsten Phase die der Autor durchleben musste und schließlich zum Suizidversuch geführt hat, welcher vom Auslöser bis zum Krankenhausaufenthalt beschrieben wird. Das kann schon fast als schonungsloser Einstieg bezeichnet werden und ist nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Trotzdem, oder gerade deswegen, finde ich es wichtig davon zu lesen und diese gefährlichen Gedankenspiralen kennen zu lernen, die zu solchen drastischen Entscheidungen führen.

Viele neue Eindrücke bieten dann die Beschreibungen der Abläufe in der Psychiatrie. Dass Zwangsjacken und Gummizellen hier nicht an der Tagesordnung sind dachte ich mir schon, aber eine genauere Vorstellung hatte ich auch nicht - und es gibt genug Leute die solche Klischees noch immer für die Realität halten, also sollte man genau deswegen darüber sprechen. Es war erschreckend und enttäuschend zu lesen, dass im Bezug auf psychische Krankheiten noch immer so viel Unverständnis, Vorurteile und soziale Tabus existieren und diesen unvorstellbaren Druck ausüben.

Das gilt auch für die Schwarzmalerei von Twitter & Co, womit der Autor immer wieder konfrontiert wird und die mich ehrlich gesagt doch überrascht hat. Unsere Generation geht inzwischen selbstverständlich mit der Technik um und vergisst schnell einmal, dass ein großer Teil der "Älteren" noch immer viele Vorbehalte hat. Dabei scheint gerade Twitter dem Autor geholfen zu haben - nicht zuletzt hat er dort den Hashtag #ausderklapse kreiert, unter dem er regelmäßig aus der Klinik berichtet hat. Diese Tweets finden sich auch gelegentlich im Buch wieder, was eine tolle Idee und Auflockerung war. Ich konnte zwar nicht immer einen direkten Bezug zwischen Tweet und dem jeweiligen Absatz herstellen, aber trotzdem wurde das Ganze dadurch noch einmal greifbarer. Auch Erwähnungen von Quizduell oder Whatsapp-Gruppen helfen zu realisieren, dass genau jetzt depressive Menschen gegen ihre Krankheit ankämpfen.

Und das wird im Verlauf des Buches immer klarer, selbst wenn man sich dessen schon bewusst war: Depression ist einfach eine Krankheit, eine Verletzung der Seele, mehr wie ein Knochenbruch und weniger wie Zwangsjacken-Verrücktheit. Dadurch wird außerdem deutlich dass es endlich normal sein sollte, darüber zu sprechen und sich Hilfe zu suchen. Wenn man sich ein Bein bricht versucht man schließlich auch nicht, das selbst wieder zu richten. Bei psychischen Krankheiten kommt nur leider das Problem der Unsichtbarkeit dazu, was eine weitere Erinnerung an die Wichtigkeit des Buches ist.

Die Stimmung heben kleine Witze oder Wortspiele, oft mit einer Portion Sarkasmus und schwarzem Humor. Das finde ich persönlich großartig, denn es zeigt dass der Autor und die anderen Patienten trotz allem noch über sich selbst lachen können. Interesse wie es weitergeht wird durch Andeutungen und Ausblicke geweckt; nur manchmal fehlte die Spannung und einige Beschreibungen haben sich etwas gezogen. Doch auch die trägen Stellen spielen eine Rolle, weil es sich ja für die Patienten selbst so anfühlt. Ebenso deutlich erlebt man auch die Momente, in denen aus normalen Situationen hinterrücks dunkle Gedanken entstehen, was doch sehr erschreckend war und zeigt, dass man diese Abwärtsspiralen nur schwer aufhalten kann wenn man sie nicht erkennt.

Es ist also unabdingbar von den Klinikaufenthalten, Therapien und Gesprächen zu erzählen, aber was mich vor allem interessiert hat waren die Reaktionen der anderen Menschen im Umfeld des Autors. Seine Familie geht beispielsweise fast schon vorbildhaft mit der schwierigen Situation um und hat ein großes Lob verdient, aber leider gibt es wie erwähnt auch viel Unverständnis oder Rücksichtslosigkeit. Von den Freundschaften zwischen den Patienten hätte ich außerdem gern noch etwas mehr erfahren, was aber verständlicher Weise nicht immer leicht einzubauen ist. Dafür gibt es mit jedem Wechsel zwischen Station, Tagesklinik und Reha wieder neue Menschen, neue Therapien und neue Eindrücke wie das Leben mit dieser Krankheit aussieht.

Viele Menschen die an einer psychischen Krankheit leiden müssen auf schwierige Ereignisse in ihrer Kindheit zurückblicken, und ich hatte großen Respekt für die Offenheit, mit der dieser Aspekt behandelt wird. Im Laufe des Buches merkt man außerdem, wie sich unbewusst seine Sprache verändert je besser es dem Autor geht. Und obwohl das Ende etwas abrupt war, runden intelligente, logische Feststellungen über psychische Erkrankungen das Buch ab. Da man viele Momente dieses schwierigen Weges quasi mit dem Autor geht ist man irgendwie selbst stolz auf seine Fortschritte und bekommt viel Respekt vor jedem Betroffenen.

Depression abzugeben ist nicht unbedingt ein Buch was man einfach mal so nebenbei liest, aber wenn man ein ehrliches Interesse an der Krankheit und den betroffenen Menschen hat, kann man unglaublich viel lernen. Manchmal gab es etwas zu viele nebensächliche Details und einen etwas trägen Verlauf der Geschichte, aber es ist vorrangig eine absolut wahre, ehrliche und persönliche Erzählung. Ich hoffe sehr, dass dieses Buch die überfällige Diskussion ins Rollen bringen kann und das Thema Depression endlich normalisiert - das Potenzial hat es auf jeden Fall. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!

WEITERE REZENSENTEN




Vielen Dank an Bastei Lübbe für dieses aufschlussreiche Rezensionsexemplar!

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6 Kommentare

  1. Vielen Dank für deine sehr gute und differenzierte Rezension. Freut mich, dass mein Buch so angekommen ist, wie ichs gewünscht habe. Und das mit dem ersten Kapitel. Mittlerweile denke ich, ich hätte wahrscheinlich tatsächlich eine Triggerwarnung einbauen müssen.
    Danke auf jeden Fall für das Interesse an meinem Buch.

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    1. Ich bedanke mich ebenfalls sehr, positives Feedback zu bekommen ist immer ein tolles Gefühl, und von den Autoren selbst zählt es quasi doppelt! Ich hatte schon Bedenken etwas zu kritisch zu sein, wollte aber so vieles sagen und bin erleichtert, das Buch doch 'richtig' verstanden zu haben.

      Die Triggerwarnung könnte man ja eventuell im Rahmen einer zweiten Auflage noch mit einbauen, obwohl Titel und Klappentext schon einen guten Job machen.

      Noch einmal großen Respekt für den Mut, das Buch überhaupt zu schreiben, und natürlich für die hart erkämpften Siege gegen die Depression! Ich wünsche dem Buch maximale literarische Erfolge. :)

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  2. Hi Sandy,

    finde ich toll, dass du dieses Buch hier vorstellst. Ich hatte nämlich bisher noch nichts davon gehört. Aber es kommt nun definitiv auf die To-Read Liste. Ich bin über jedes Buch froh, welches psychische Erkrankungen aus der Tabuzone holt und dazu gehört einfach, dass es auch für Nicht-Betroffene besser nachvollziehbar wird. Also nochmal danke für den Tipp;)

    Liebe Grüße,
    Eli

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    1. Vielen Dank Eli! Ich freu mich riesig dass du das Buch jetzt lesen möchtest und stimme dir absolut zu. Psychische Krankheiten werden immer mehr verarbeitet und das ist einfach großartig. :) Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße!!

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  3. Eine wundervolle, ehrliche und aufschlussreiche Rezi, liebe Sandy. Vielen Dank dafür! ♥
    #RespectDepression

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