Rezension: Salz für die See – Ruta Sepetys - BlackTeaBooks

Rezension: Salz für die See – Ruta Sepetys

09 Dezember

Titel: Salz für die See | Autor: Ruta Sepetys | Verlag: Königskinder | Seitenzahl: 415 | Originaltitel: Salt to the Sea Übersetzung: Henning Ahrens




Die letzten Kriegstage des Jahres 1945: Tausende Menschen flüchten aus Angst vor der Roten Armee nach Westen. Darunter Florian, ein deutscher Deserteur, Emilia, eine junge Polin, und Joana, eine litauische Krankenschwester. Eine Notgemeinschaft, in der jeder ein Geheimnis hat, das er nicht preisgeben will. Denn der Krieg hat sie Misstrauen gelehrt. Im eiskalten Winter wählt der kleine Flüchtlingstrek den lebensgefährlichen Weg über das zugefrorene Haff. In Gotenhafen, so heißt es, warte die Wilhelm Gustloff, um sie nach Westen zu bringen. Doch auch dort sind sie noch lange nicht in Sicherheit.
Quelle: Verlag


Von diesem Buch hat man in den englischsprachigen und deutschen Kreisen ja schon viel gehört, und dank Sandra durfte es während der Frankfurter Buchmesse tatsächlich bei mir einziehen! Als ich dann anfing zu lesen, konnte ich es einfach nicht weglegen und habe vier Uhr morgens erschrocken auf die Uhr geschaut - wie ist das denn passiert? Solche Momente zeichnen für mich ein richtig gutes Buch aus.


So leicht wie mir das Lesen fiel; man muss sich trotzdem erst einmal an die Erzählweise gewöhnen. Das Buch besteht aus vielen kurzen Kapiteln, die jedes Mal die Sicht von einem anderen der vier Protagonisten zeigen. Zum Glück kam ich damit relativ schnell klar und fand es dann sogar angenehm, die verschiedenen Momente direkt aus den Perspektiven von Emilia, Florian, Joana und Alfred zu erleben.

Diese vier könnten unterschiedlicher nicht sein: eine junge Polin, ein Preuße der dieser Regierung den Rücken kehren will, eine lettisch-deutsche Krankenschwester und ein Nationalsozialist; die alle während der letzten Kriegstage auf dem Flüchtlingsschiff Wilhelm Gustloff landen. Dabei kommt die Spannung nicht zu kurz, denn der Weg dorthin ist zumindest für Emilia, Florian, Joana und ihre bunt zusammengewürfelte Truppe alles andere als einfach - und dabei fliehen sie nicht nur vor dem Krieg. Schicksal, Schande und Schuld sind ebenso große Gegner, gegen die sie zu kämpfen haben. Ich bewundere die drei sehr für ihre Entschlossenheit; sie sind mir richtig ans Herz gewachsen. Und auch wenn das definitiv nicht für Alfred gilt, ist seine Geschichte ebenfalls wichtig. Für ihn hatte ich anfangs Verachtung, später Abneigung, zwischendurch Mitleid und schließlich Abscheu übrig; aber er hat mir auch gezeigt dass eine Gesellschaft durch mangelnde Toleranz und Respekt immer wieder Menschen wie ihn anfällig für Angst, Wut und Hass machen wird.

Während man die Ereignisse verfolgt war wirklich bemerkenswert zu sehen wie die verschiedenen Charaktere zusammenspielen, wie ihre Lebensweisen und Gedanken erst unabhängig voneinander funktionieren und sich dann gegenseitig beeinflussen. Durch die Vielfältigkeit versteht man auch die Ausmaße des Krieges und dessen Folgen besser und realisiert, dass es nicht einfach nur die Fakten auf schwarz und weiß gab, die wir im Geschichtsunterricht auswendig gelernt haben.



Man hat uns von der Gustloff erzählt, die Flucht der Menschen in ein paar Sätzen erwähnt und natürlich von der Grausamkeit der Nazis berichtet. Doch durch dieses Buch erlebt man den kräftezehrenden und ungewissen Treck durch die Kälte, man hasst die Nazis aber beginnt gleichermaßen zu verstehen wie ihr Denken verdreht wurde, und man hört nicht einfach nur von den neuntausend Opfern des Untergangs der Wilhelm Gustloff; man geht mit ihnen unter. Man streift die Menschen, so viele unterschiedliche Menschen, die dachten auf diesem Schiff in die Sicherheit zu fahren und stattdessen den Tod fanden. Man hofft und leidet mit ihnen um dann den Entschluss zu fassen, dass es nie wieder zu solchen Situationen kommen darf.

Dann erinnerte ich mich aber an den großen Gedanken nach dem ersten Weltkrieg: "Nie wieder" sollte so etwas passieren, und trotzdem wissen wir dass wenige Jahre später erneut Krieg geführt wurde, um 'alle Kriege zu beenden'. Doch auch heute erleben Menschen diese Dinge, und bei aller Politik, den Zahlen und Schwierigkeiten an die wir dabei denken habe ich plötzlich nur ein Bild vor Augen, dass mich vor einigen Wochen sehr erschüttert hat. Es waren Videoaufnahmen der Rettung eines kleinen Jungen, der einen Bombeneinschlag überlebte. Dabei dachte ich nicht an irgendwelche Politiker, Religionen oder Soldaten, sondern einfach nur an die Menschen und dieses bis ins Herz geschockte Kind. Dass einige Menschen anderen Menschen so etwas antun. Ich kann es bis heute nicht nachvollziehen.

Was ich aber damit sagen möchte ist, dass Ruta Sepetys es schafft diese über 70 Jahre zurückliegenden, komplexen Ereignisse auf eine menschliche Ebene zu bringen, die jeder verstehen kann. In der Schule habe ich Geschichte aus deutscher Sicht gelernt, an der Uni dann vom britischen Standpunkt aus. Sie machen beide gleich viel und doch wenig Sinn, denn vergangene und heutige Ereignisse sind verworren, komplex und durcheinander; es gibt unzählige Perspektiven und alles was sie eint, ist diese menschliche Ebene, über die wir viel mehr nachdenken sollten. Deren zwei größten und stärksten Kräfte haben dabei ihren Weg in die Geschichte gefunden: das Leben und die Liebe. Diese Botschaft hat mir trotz des schwierigen Themas Hoffnung gegeben und dieses Erlebnis noch emotionaler gemacht. Die Erfahrungen die man durch das Buch macht sind so wichtig, dass ich es absolut in den Klassenzimmern der Welt sehen kann.


Salz für die See ist eine spannende, bewegende und vor allem menschliche Geschichte. Der ungewöhnliche Schreibstil ist nach kurzer Gewöhnungsphase sehr leicht zu lesen und beleuchtet dieses historische Ereignis von allen Seiten. Ein Buch, das jeder gelesen haben sollte!

Die Geschichte hat uns getrennt, aber das Lesen, das Forschen und das Erinnern führen uns zusammen. ...
Wir dürfen nicht zulassen, dass die Wahrheit mit dem Tod der Überlebenden und Zeitzeugen verschwindet.
Bitte gebt ihnen eine Stimme. 
S. 398, aus dem Nachwort der Autorin

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2 Kommentare

  1. Hey
    Ich habe gerade deinen Blog entdeckt und er gefällt mir wirklich richtig gut. Ich habe deinen Blog auch gleich mal abonniert. :D Vielleicht hast du ja lust auch bei mir mal vorbeizuschauen. Darüber würde ich mich sehr freuen. :)
    LG Benedikt von
    http://beneaboutbooks.blogspot.de/

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    1. Danke Benedikt! Ich schau gleich mal vorbei. :)

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